Juli 22, 2026

Urlaub an der Südküste Frankreichs hat für mich den Duft von gegrilltem Fisch, die Musik von Howard Jones' Album „Human's Lib“ versetzt mich in das Buch „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende und ein warmer Sommerregen fühlt sich nach Abenteuer und langen Ferientagen mit meinen Freundinnen an. Unsere Erinnerungen sind mit inneren und äußeren Sinneseindrücken verbunden.

Sie haben die Macht, uns zurückzuversetzen an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.
Als ich den Aufruf zur Blogparade von Susanne Heinen gelesen habe, war ich deshalb sofort Feuer und Flamme. Denn das Thema lautet: Die Farbe meiner Kindheit.
Ohne nachzudenken, wusste ich auch sofort, welche Farbe es ist: Orange - Prilblumenorange!

Farben einer neuen Zeit

Die unmittelbare Nachkriegszeit war grau. Zwischen Trümmern, Mangel und Lebensmittelmarken ging es zunächst ums Überleben. Erst langsam kehrte Normalität ein. Dann kam das Wirtschaftswunder – erst der Kühlschrank, dann das Auto, dann die erste Reise nach Italien. Wohlstand sickerte langsam durch alle Schichten.

Die Farben blieben dabei noch zart. Pastell, Mintgrün, Zartrosa, Babyblau, eine Farbwelt wie ein Bonbon, brav und ordentlich. Es war die Farbigkeit einer Generation, die durfte, sich aber noch nicht traute. Das Trauen kam mit den Kindern dieser Generation. Ende der Sechzigerjahre begehrte die Jugend auf, gegen die Eltern, gegen deren Schweigen über die Vergangenheit, gegen die Enge des Wohlstands.

„Make love, not war.“ Die Hippiebewegung malte sich bunt, weil Buntheit das Gegenteil von allem war, wofür die Elterngeneration stand – das Gegenteil von Uniform, von Grau, von Ordnung um jeden Preis. Farbe war Protest, den man tragen konnte.

Die Farbenpracht der 70er-Jahre war das Erbe dieser Bewegung. Orange, Braun, Senfgelb, Avocadogrün. Die einst rebellischen Farben wanderten in die bürgerlichen Wohnzimmer und wurden Mainstream.
Was als Aufstand begann, wurde Tapete. Das Orange der Blumenkinder landete auf den Sofas ganz gewöhnlicher Familien, psychedelische Muster schmückten Küchen, in denen nie über Revolution gesprochen wurde. Die Siebziger nahmen die wilde Farbigkeit der 68er und machten sie wohnzimmertauglich.
Und sie waren das Jahrzehnt meiner Kindheit.

In den 70er Jahren waren sogar die Autos orange.

Sonnenfarbe im Revier

Auch wenn wir es damals noch nicht wussten, wir gehörten zur Generation X. Viele unserer Mütter arbeiteten. Nach der Schule schlossen wir uns die Tür selbst auf, machten uns ein Brot und dann war der Nachmittag eine große, unbeaufsichtigte Verheißung. Ab aufs Fahrrad und los.
Wir spielten auf der Straße, bauten Hütten auf Brachflächen, streiften durch Wälder oder über Felder. Erwachsene wussten oft nur ungefähr, wo wir Kinder waren.

Wenn wir wollten, klingelten wir einfach bei Freunden. Niemand schrieb vorher eine Nachricht oder rief an. Man stand vor der Tür, fragte: „Kann Miriam rauskommen?“ Oder man blieb gleich drinnen und spielte. Dabei lernten wir die Küchen unserer Freunde kennen, und fast jede schien in warmen Orange-, Grün- oder Gelbtönen zu strahlen. Für mich wurde Orange zur Farbe von Alltag und Geborgenheit.

Unser Revier war das Ruhrgebiet. Während Zechen schlossen und sich die Region veränderte, spielten wir im Schatten der Fördertürme und Schlote. Selbst wenn man, wie ich, am Rand des Reviers lebte, war diese Industrielandschaft nie weit entfernt. Gleichzeitig begann die Natur, sich Räume zurückzuholen. Alte Bahntrassen, Brachflächen und stillgelegte Industriegelände wurden zu wilden Spielplätzen.

Der eigene Radius bestand oft nur aus ein paar Straßen, aber hinter jeder Bretterbude und jedem Feld wartete ein neues Abenteuer.
Und während die Erwachsenen neue Häuser bauten und die Landschaft langsam veränderten, eigneten wir Kinder uns diese Zwischenräume an, bis auch sie verschwanden.

Orange: Wärme und Warnung

Baustellen, Rettungswesten, Müllabfuhr - Orange ist eine Warnfarbe. Eine Farbe, die nach Aufmerksamkeit schreit. Das Orange der 70er jedenfalls war ganz und gar nicht leise.
Das kann auch schnell mal kippen. Dann wird aus Dynamik Unruhe und aus Präsenz Aufdringlichkeit.

Aber Orange strahlt auch Wärme aus. Es erinnert an Sonnenlicht, an Feuer, an die letzten goldenen Stunden eines Tages. Es ist eine Farbe, die Nähe schafft und Räume lebendig wirken lässt. Es ist eine Farbe der Bewegung und der Veränderung. Nicht umsonst wurde sie zur Farbe einer Generation, die alte Strukturen aufbrechen wollte.

Mich erinnert sie nicht nur an eine vergangene Zeit, sondern an ein Gefühl: an offene Türen, Nachmittage ohne festen Plan, das Klingeln bei Freunden und das warme Licht einer Küche, in der man willkommen war.

Orange entsteht aus Rot und Gelb, und es erbt von beiden. Vom Rot die Energie und Kraft, vom Gelb die Heiterkeit und das Licht. Aber Orange ist nicht gleich Orange. Mischt man mehr Rot unter, wird die Farbe sinnlicher und intensiver. Mit Braun wird Orange ruhiger und erdiger. Grau nimmt ihm ein bisschen die Strahlkraft, und mit Weiß gemischt wird Orange freundlich, sanft und zugänglich.

Junger Orang-Uthan, Lea Finke

Orange in der Kunst

Am Anfang stand die Erde. Lange bevor es synthetische Pigmente gab, malten Menschen mit dem, was sie in ihrer Umgebung fanden. Eisenoxid, also Ocker, lieferte warme Gelb-, Rot- und Orangetöne. Genau diese Pigmente finden sich in Höhlenmalereien wie denen von Lascaux oder Altamira. Damit gehört Orange zu den ältesten Farben der Kunstgeschichte überhaupt.

In der Renaissance wurde ein weiches Gemisch aus Ton und Eisenoxid zu Rötelkreide gepresst. Künstler wie Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael nutzten sie für Studien von Händen, Gesichtern und dem menschlichen Körper. Die warme Farbe eignete sich hervorragend, um Hauttöne, Licht und Schatten darzustellen. Viele dieser Zeichnungen wirken bis heute erstaunlich lebendig, gerade weil das Orange-Rot der Kreide eine natürliche Wärme vermittelt. Auch Tizian, Veronese oder Rubens haben intensiv mit Orangetönen gearbeitet.

Im 19. Jahrhundert rückte Orange noch stärker in den Mittelpunkt.
William Turner tauchte seine späten Landschaften und Seestücke in ein fast übernatürliches Licht. Besonders Sonnenuntergänge und Brände glühen in Gold-, Gelb- und Orangetönen. Bei Turner wird Orange zum Licht selbst. Es beschreibt nicht nur eine Landschaft, sondern Atmosphäre und Emotion.

The Fighting Temeraire, William Turner, National Gallery, London

Die spektakulären Sonnenuntergänge, die Turner malte, bekamen Jahrzehnte nach seinem Tod eine überraschende Entsprechung in der Wirklichkeit. Am 27. August 1883 brach in einer der gewaltigsten Eruptionen der Neuzeit der Vulkan Krakatau aus. Riesige Mengen an Asche und Schwefelpartikeln gelangten bis in die Stratosphäre und verteilten sich weltweit. Dadurch entstanden über Monate ungewöhnlich intensive Dämmerungen und Sonnenuntergänge mit roten, violetten und orangefarbenen Tönen.

Ein Naturschauspiel, das Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler faszinierte. William Ascroft etwa dokumentierte die ungewöhnlichen Dämmerungsfarben nach dem Ausbruch in zahlreichen Farbstudien und Pastellzeichnungen.

Alfred Lord Tennyson erklärte in einer Anmerkung zu seinem Gedicht „St. Telemachus“, dass die Eingangsszene durch seine Erinnerung an den Krakatau-Ausbruch angeregt worden war. Er beschreibt den Abendhimmel als „blood-red“ und „wrathful sunset“ – blutrot und zornig. 

Auch Robert Bridges griff die außergewöhnlichen Himmel auf, allerdings ganz anders. In seinem Versepos „Eros and Psyche“ (1885) beschreibt er einen Sonnenuntergang voller Orange-, Gold-, Grün-, Rosa- und Lilatöne: „Broad and low down … a wealth of orange-gold was thickly shed …“

Während Tennyson den Himmel bedrohlich erscheinen lässt, feiert Bridges seine überwältigende Schönheit. Dieselben Orangetöne erzählen plötzlich eine ganz andere Geschichte.

William Ascroft, Krakatoa

Für Vincent van Gogh waren Farben Ausdruck von Gefühlen. In „Die Ernte“ (Titelbild) leuchten die Felder in kräftigem Orange und Gold. Das Orange erzählt nicht nur von reifem Getreide und Sonne, sondern auch von Wärme, Fülle und der Kraft des Sommers. Van Gogh setzte Orange außerdem häufig dem Blau des Himmels gegenüber. Als Komplementärfarben verstärken sich beide gegenseitig – das Orange beginnt regelrecht zu glühen.

Im 20. Jahrhundert löste sich Orange schließlich vom Gegenständlichen. Künstler wie Mark Rothko machten die Farbe selbst zum Thema. In Gemälden wie „Orange and Yellow“ gibt es keine Landschaft und keine Figuren mehr. Das Orange ist nicht mehr die Farbe eines Feldes oder eines Sonnenuntergangs – es ist die eigentliche Erfahrung.

Mark Rothko, National Gallery of Art, Washington DC

Farbe, die bleibt

Wahrscheinlich ist das Orange meiner Erinnerung wärmer, als es damals tatsächlich war. Farben, an die wir uns erinnern, sind nie nur Farben. Sie sind eingelegt in Nachmittage, in Stimmen, die nach uns riefen, in Türen, die offenstanden.
Das entspricht auch meiner Kunst. Ich suche nicht nach dem exakten Abbild, sondern nach dem, was bleibt, wenn alles andere verblasst: die Wärme, den Riss, die Spur.
Und während ich das hier schreibe, fühle ich mich zurückversetzt in so viele Szenen, dass ich erst einmal Luft holen muss. 

Dieses Streifen durch Erinnerungen hat mir Spaß gemacht - und mehr als das. Deshalb danke ich Susanne sehr für ihre Blogparade. Besuch doch mal ihre Seite und lies von anderen Farben und anderen Erinnerungen.
Was ist denn die Farbe deiner Kindheit?

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4 Comments
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3 Stunden zuvor

Hallo, Lea,
ein wunderbarer Artikel. Über orange. Nicht meine Lieblingsfarbe. Aber ich erinnere mich genau an den Weg.
An “ prilblumenorange“ und “ wir klingelten einfach und fragten: kommst du raus“.
Schön auch der Farbweg in der Kunst, den Du beschrieben hast.
Danke. Herzliche Grüße Martina

3 Stunden zuvor

Wow, was für eine schöne Erinnerung. Orange Küchen? Habe ich leider verpasst, ich wurde in den 80ern geboren, aber dank deiner Erzählung kann ich sie förmlich vor mir sehen.

Ich wünschte, ich hätte Krakatau miterlebt, denn ich liebe Sonnenenauf- und – untergänge wegen der spektakulären Farben.

Grüne Grüße
Inga

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About the Author Lea Finke

Lea Finke ist Künstlerin mit ganzer Seele. In ihrem Blog erzählt sie von Inspiration, Leidenschaft und der Begegnung mit Kunst.

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