Was passiert, wenn ein kreativer Mensch beschließt, eine völlig neue Ausdrucksform zu erkunden? Der kanadische Autor Gabriel Tait hat seine kreativen Wurzeln in der Musik. Heute lebt er in Toronto und schreibt Romane, die sich mit den dunklen Seiten der menschlichen Natur auseinandersetzen.
Gabriel interessiert sich auch dafür, wie Geschichten erzählt werden. In diesem Interview spricht er über Kreativität, persönliche Herausforderungen und die Bedeutung von Authentizität.
Vorstellung
Wie ist dein Name?
Gabriel Tait
Wo lebst du?
Toronto, Kanada
Welche Art von Kunst/Kreativität machst du hauptsächlich?
Ich schreibe Belletristik. Früher war ich im Bereich Musik und Songwriting kreativ.
Hast du eine formale Ausbildung absolviert oder bist du Autodidakt?
Mein Hintergrund liegt in der Musik und im Songwriting. Mit fünfzig habe ich angefangen, Belletristik zu schreiben.
Wo kann man deine Arbeiten sehen? Hast du eine Website oder Social-Media-Profile, die du teilen möchtest?
Auf meiner Website Gabriel Tait | Canadian Author of the Meeks Trilogy findt man Informationen über Meeks und „The Ranleigh Tapes“ sowie Auszüge und Links zum Kauf.

Schriftsteller Gabriel Tait
Du bist kreativ. Warum?
Ich war schon immer kreativ. Schon als kleines Kind zeigte ich eine Begabung für Musik. Diese habe ich während meiner Schulzeit weiterentwickelt und wurde so zum Multi-Instrumentalisten. In der Mittelstufe schrieb ich bereits Songs und wollte in Bands spielen. In der Oberstufe in den Achtzigerjahren verbrachte ich mehr Zeit damit, die Schule zu schwänzen und Musik zu machen, als Hausaufgaben zu erledigen.
Mit Anfang zwanzig hörte ich damit auf, aber das ist eine andere Geschichte. Dieser kreative Hintergrund gab mir das Selbstvertrauen, als ich mit fünfzig anfing, Belletristik zu schreiben. Das Schreiben eines Romans war Neuland für mich, der Akt des Schaffens jedoch nicht.
Ich glaube, das Songwriting hat mir geholfen, mich prägnant auszudrücken, und vielleicht fließt ein Teil dieser Lyrik auch in meine Prosa ein. Die Fertigstellung von „Meeks“ und anschließend das Schreiben von „The Ranleigh Tapes“ in einer völlig anderen Form waren die großen Meilensteine, die darauf folgten.
Was inspiriert dich?
Eine gute Idee inspiriert mich. Ich finde Inspiration bei nächtlichen Spaziergängen, aber sie kann von fast allem kommen: einer gelungenen Formulierung, einem zufällig mitgehörten Gespräch, etwas, das ich unter einem Stein im Garten finde. Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Ort gibt, von dem sie kommt. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Inspiration letztendlich aus einem selbst entspringt.

Gibt es bestimmte Künstler*innen oder Stile, die dich beeinflussen?
Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ war für mich wichtig. Ich habe es noch einmal gelesen, bevor ich mit „Meeks“ angefangen habe. Ich dachte mir, wenn ich mich genau an seine Ratschläge halte, schaffe ich es vielleicht, einen ersten Entwurf fertigzustellen.
Die Beatles, ganz klar. Das ist zwar kaum eine originelle Aussage, aber sie sind ganz offensichtlich das Vorbild dafür, was man kreativ alles erreichen kann. Wenn man sich den Sprung zwischen „Meeks“ und „The Ranleigh Tapes“ genau ansieht, wird man feststellen, dass ich mich definitiv an ihrem Vorbild orientiert habe.
Wie sieht dein kreativer Prozess aus?
Bei „Meeks“ ging es im ersten Entwurf vor allem darum, am Ball zu bleiben. Ich schrieb täglich etwa zweitausend Wörter und erlaubte mir, Dinge zu schreiben, von denen ich wusste, dass sie noch überarbeitet werden mussten. Das Buch entstand in drei Jahren und sieben Entwürfen, also blieb dafür reichlich Zeit.
Bei „The Ranleigh Tapes“ war es anders. Ich zog in die Garage und schrieb an einer alten Werkbank. Das Schreiben erfolgte in kürzeren Schüben, und ich achtete sehr genau auf Ranleighs Stimme: wie er sprach, wenn er etwas Schwieriges zu sagen hatte, die Witze, die Hintergrundinformationen, die er lieferte, bevor er zum Punkt kam. Die Form veränderte meine Arbeitsweise.
Gibt es Materialien oder Werkzeuge, mit denen du besonders gerne arbeitest? Warum?
Ich schreibe meine Romane auf einem MacBook, aber am liebsten benutze ich einen guten Füllfederhalter und gutes Notizbuchpapier. Ich habe eine Vorliebe für Moleskine, auch wenn das mittlerweile irgendwie aus der Mode gekommen ist. Eines Tages möchte ich gerne einen Roman von Hand schreiben. Ich habe einen tollen Stift dafür.
Mir gefällt die Vorstellung, Tinte an den Fingern zu haben. Da hat man das Gefühl, wirklich zu arbeiten. Diese haptische Erfahrung hat etwas Reizvolles. Ob dieser Roman jemals das Licht der Welt erblicken wird, bleibt abzuwarten, aber ich würde diesen Prozess gerne einmal ausprobieren.
Gibt es ein bestimmtes Projekt oder Werk, das dir besonders viel bedeutet?
Die Meeks-Reihe. Das sind die einzigen beiden Bücher, die ich geschrieben habe, daher gibt es nicht viel Konkurrenz. Ich habe die ursprüngliche Idee fast dreißig Jahre lang mit mir herumgetragen, bevor ich mich mit fünfzig hingesetzt habe, um sie aufzuschreiben. Was ich ursprünglich als ein einziges Buch geplant hatte, hat sich zu einer Trilogie entwickelt. Es bedeutet mir sehr viel, endlich etwas aus einer Geschichte gemacht zu haben, die mich so lange begleitet hat.


Die Meeks Trilogie
Gabriel Tait’s Romane sind Teil der Meeks-Trilogie, in deren Mittelpunkt die Figur Ranleigh Meeks steht. Im ersten Band, „Meeks“ (2023), versucht er verzweifelt, sich ein anderes, besseres Leben aufzubauen. „The Ranleigh Tapes“ (2025) beschäftigt sich mit Schuld, Scham und dem Kampf, sich der Vergangenheit zu stellen. Für diesen Roman wählte Tait eine ungewöhnliche Erzählform: ein auf Tonband aufgezeichnetes Geständnis. Die Geschichte soll mit „Echo“ ihren Abschluss finden, der voraussichtlich Ende 2027 erscheinen wird.
Die Romane von Gabriel Tait sind bislang nur auf Englisch erhältlich.
Was war die größte Herausforderung, die du als Künstler bisher überwinden musstest?
Die Genesung vom Alkoholismus. Ob als Künstler oder nicht – das war die Herausforderung meines Lebens. Hätte ich das nicht gemeistert, wäre wohl nicht viel Kunst dabei herausgekommen.
An zweiter Stelle steht der Wechsel von Musik und Songwriting zum Romaneschreiben. Der kreative Akt fühlte sich ähnlich an, aber die Herausforderung beim Schreiben eines Romans liegt in der schieren Menge. Die Geschichte konsistent zu halten, mein eigenes Interesse aufrechtzuerhalten, um sie zu Ende zu bringen, und zu hoffen, dass auch der Leser sie interessant genug findet, um sie zu Ende zu lesen.
Die besten Lieder, die ich je geschrieben habe, brauchten etwa eine halbe Stunde. Ein Roman verlangt einem deutlich mehr ab.
Wie wichtig ist dir die Verbindung und Interaktion mit anderen Künstler:innen und Kreativen?
Das war unverzichtbar, als ich noch mit anderen Musikern Musik gemacht habe. In einer solchen Situation kann man nicht wirklich als Diktator auftreten.
Bei Romanen spielt das überhaupt keine Rolle. Schreiben ist für mich eine einsame Angelegenheit, bei der ich die vollständige kreative Kontrolle habe. Der Vorteil ist, dass man keine Kompromisse eingehen muss, wie es in einer Band der Fall wäre. Der Nachteil ist natürlich: Wenn es schlecht ist, bist du allein dafür verantwortlich. Du musst die Schuld auf dich nehmen.
Was bedeutet Kunst für dich? Welche Rolle spielt sie in deinem Leben?
Kunst bedeutet mir alles. Sie war in meinem Leben schon immer auf die eine oder andere Weise präsent. Als Kind liebte ich Filme und Musik. Und dann kamen die Beatles und Romane. Ich hatte in meiner Kindheit einige schwierige Zeiten, wie wir sie wohl alle erleben, und so hat mich die Kunst im Großen und Ganzen durch die schwierigeren Phasen meines Lebens begleitet.
Ich glaube, sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins, ganz gleich, ob man sie selbst schafft oder nur erlebt. Eine Welt ohne Kunst möchte ich mir gar nicht vorstellen. Genau das macht mir diese übermäßige Fokussierung auf leblose, seelenlose Technik in letzter Zeit so große Angst.
Welche Themen sind dir wichtig? Gibt es ein Thema oder eine Botschaft, die du in deiner Kunst transportieren möchtest?
Das Thema Sucht liegt mir sehr am Herzen, und ich bin nach wie vor der Meinung, dass es sich dabei um eine weitgehend missverstandene Krankheit handelt. Ein Thema, das meine volle Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist jedoch die Fassade, die wir aufrechterhalten, um die verfallende Infrastruktur zu übertünchen. Das hat mich schon immer interessiert, aber ich glaube, mit dem Aufkommen von Instagram, TikTok und den sozialen Medien im Allgemeinen ist es heute schlimmer denn je.
Wenn man eine Fassade aufbaut, büßt man an Authentizität ein. Letztendlich werden uns gerade jene Dinge von den Maschinen unterscheiden, die uns authentisch menschlich machen. Wenn man eine Fassade aufbaut, andere nachahmt und seine menschlichen Schwächen nicht zeigt, wird es uns schwerfallen, zueinander zu finden und uns miteinander zu identifizieren.
Woran arbeitest du gerade?
Derzeit arbeite ich an „Echo“, dem dritten und letzten Teil der Meeks-Trilogie. Das ist ziemlich spannend. Ich glaube, es wird ein gelungener Abschluss der Geschichte von Ranleigh Meeks werden. Das hoffe ich zumindest. Nach diesem Buch wird es keine weiteren Bücher mehr über unseren Helden geben.
Es ist ein ehrgeiziges Projekt, und wie schon bei „The Ranleigh Tapes“ habe ich das Gefühl, wieder ein großes Risiko einzugehen, und hoffe, dass es sich auszahlt. Wenn alles gut läuft, sollte es Ende 2027 erscheinen.
Vielen Dank, Gabriel, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten, und dass du deine Gedanken und persönlichen Erfahrungen so offen geteilt hast. Ich weiß deine Ehrlichkeit und die Einblicke in deinen kreativen Werdegang sehr zu schätzen.
Deine Chance: Werde Teil meiner Interviewreihe!
Wenn du selbst Künstler*in oder Kreativschaffende*r bist, ganz gleich, ob in der Malerei, Musik, Literatur oder einer anderen Form der Kunst, und Lust hast, über deine Arbeit und deinen kreativen Prozess zu sprechen, dann melde dich gerne bei mir.
Ich freue mich darauf, in meiner Interview-Reihe die Vielfalt der kreativen Ausdrucksformen zu zeigen und von deinen Perspektiven und Erfahrungen zu lesen.
